Aliin Sitoé Diatta wurde 1920 in Njallo, einem Ortsteil von Kabroussegeboren. Ihre Mutter war Alakafurene Diatta und ihr Vater Silosya Diatta. Ihr Vater trennt sich von seiner Frau, als Aliin noch ein Kind war und heiratete Marie Dembulo. Aus dieser Verbindung ging die Tochter Pascaline hervor.

 

 

Nach der Trennung von ihrem Ehemann ging Alakafurene mit Aliin zurück in ihr Heimatviertel Mossor. Alakafurene heiratete später Momo ausKadyakay. Aus dieser Ehe gingen die beiden jüngeren Halbschwestern von Aliin, Aisiso und Elsabel hervor.

 

 

1935 verließ sie zusammen mit ihrer Mutter Kabrousse, um als Hausangestellte in Dakar zu arbeiten, wie viele andere Diola auch. Dort heiratete sie Thomas Diatta, der ebenfalls aus Kabrousse stammte und Hafenarbeiter in Dakar war. Mit ihm bekam Sie ihre Tochter Seynabu.

 

 

 

Im Mai 1942 hatte sie in Dakar auf dem Marktplatz eine Vision, sie spürte die Gegenwart Emitais, des Gottes der Diola. Auch nachts hörte sie dessen Stimme in ihren Träumen. Die Stimme sagte ihr, sie hätte von ihm die Gabe bekommen für Regen zu beten und die Dürreperiode in ihrer Heimatregion somit zu beenden. Die Stimme forderte sie auf nach Kabrousse zurückzukehren. Die folgenden Nächte wiederholte sich die Vision. Aber Aliin hatte Angst und Zweifel, sie hörte nicht auf die Stimme in ihren Visionen. Sie dachte, sie könne diese Aufgabe nicht erfüllen, sie sei zu schwach. Da lähmte Emitai ihre Beine, sodass sie von diesem Moment an nicht mehr laufen konnte. Nun endlich gehorchte Aliin den Worten Emitais. Sie teilte ihrer Mutter mit, dass sie am kommenden Morgen nach Kabrousse zurückkehren werde. Tatsächlich packte Aliin am nächsten Morgen ihre Sachen und machte sich mit ihrer Mutter und Seynabu auf zum Hafen. Ihr Ehemann Thomas blieb in Dakar, wo er einige Monate später verstarb.

 

 

Sobald sie ihr Zimmer verlassen hatte, ging die Lähmung in ihren Beinen zurück, verschwand aber nie mehr vollständig. Am Hafen angekommen stellte sie fest, dass das Fährschiff nach Ziguinchor schon abgelegt hatte. Ohne ein Wort zu sagen stellte sich Aliin an den Quai und winkte in Richtung des Schiffes. Obwohl das Fährschiff schon ein ganzes Stück von Hafen entfernt war, wurde ihr Signal gesehen. Der Kapitän wendete das Schiff und kam zurück zum Quai, wo Aliin auf das Schiff wartete. Die Passagiere applaudierten, wollten wissen, wer sie sei und wohin sie wolle. Aliin sagte es ihnen. In Ziguinchor angekommen machte sich Aliin, trotz ihrer Behinderung, zu Fuß auf den Weg nach Kabrousse. Der Fußmarsch dauerte 4 Tage

 

In Kabrousse angekommen ging sie zum Gehöft ihrer Mutter nach Mossor. Sie teilte den Bewohnern dort mit, dass Emitai sie veranlasst hatte nach Kabrousse zurückzukehren. Die Bewohner waren skeptisch und glaubten ihr nicht. Um Aliin Glaubwürdigkeit zu verschaffen, gab Emitai Aliin große körperliche Kraft. Unter spastischen Bewegungen kletterte sie auf Häuser und rollte vom Dach wieder herunter auf die Erde. Sie verfügte nun auch über magische Fähigkeiten. Ein Beispiel ihrer Magie wird so überliefert. Eines Tages saß Aliin am Wegesrand auf dem Boden, als einige Fischerfrauen mit Körben auf den Köpfen an ihr vorbei kamen. Aliin fragte: „Habt ihr etwas gefangen?“ „Nein“, antworteten sie, „Heute hatten wir kein Glück.“ Mit ihrer Magie ließ sie den Größten unter den Fischen vom Korb einer der Frauen in ihren Schoß springen. Beschämt gingen die Frauen weiter.

 

Nach und nach sprach sich herum, dass Aliin eine Frau mit ungewöhnlichen Fähigkeiten war. Die Bewohner aus Kabrousse waren nur davon überzeugt, dass Aliin ein Prophet war und ihr Name verbreitete sich in der gesamten Casamence und darüber hinaus. Menschen kamen von weit her, um Aliin zu sehen.

 

 

Aliin Sitoé Diatta wurde die Zweitfrau des religiösen Führers Alu Gaye Diatta. Alu gehörte zu den Wohlhabenden des Dorfes. Er besaß viel Vieh und hatte umfangreiche Reisfelder. Alu Gayes war bereits verheiratete, seine Erstfrau hieß Asenebe.

 

 

Eines Tages berief Aliin eine Versammlung auf dem Versammlungsplatz ein. Sie gab die Anweisung, hier einen weiteren Erdschrein zu errichten. Jedes Jahr zu Beginn und am Ende der Regenzeit sollte an diesem Schrein ein schwarzer Stier und Palmwein geopfert werden. Hier heilte sie Kranke im Verlauf ihrer Zeremonien. Dabei nahm sie einen Schluck Palmwein in den Mund und blies ihn gegen den Körper des Kranken. So heilte sie die Leiden. Aliine führte weitere spirituelle Erdschreine (ukine) ein. Emitai gab ihr in Kabrousse die Verantwortung für zwei Regenschreine. Der eine Schrein war kasila, der andere Schrein hieß oussahara.

 

Im Juni 1942, also noch vor der Regenzeit, führte sie ihre erste Regenzeremonie durch. Sie machte eine rhythmische Bewegung mit Daumen und ihren vier Fingern worauf es zu regnen begann.

 

Sie trug den Diola auf, eigenen Reis anzubauen und verbot den Konsum von ortsfremdem Reis. In Zeremonien durfte nur der selbst angebaute Reis gegessen werden. Immer, wenn Aliin eine Zeremonie durchführen wollte, wurde die „sprechende Trommel“ geschlagen. Die Menschen kamen von den Reisfeldern herbeigeströmt, um der Zeremonie beizuwohnen. Aber auch aus anderen Regionen strömten Menschen herbei. Aliin erklärte ihnen genau, welche Opfer sie zu bringen hatten. Bei ihren Zeremonien hatte Aliin immer einen Kuhschwanz, eine Kalebasse und einen Speer dabei. Sie trug das traditionelle blau-schwarze Tuch der Diola. Mit ihrer Kalebasse konnte Aliin Regen bringen, selbst wenn sie keine Regenzeremonie durchführte.

 

Es wird berichtet, dass es während ihrer Zeit in Kabrousse keinen Kranken gab. Niemand hatte Malaria oder litt unter Tuberkulose, alle Dorfbewohner waren kerngesund. Es gab niemanden, der eines unnatürlichen Todes starb. In dieser Zeit gab es für alle Bewohner ausreichend viele Fische zu essen, die mit Speeren aus den Bolongs gefischt wurden. Es regnete zu der Zeit viel, deshalb gab es gute Reisernten und das ganze Jahr übers viel Palmwein zu trinken.

 

Zur Zeit Aliins hatte die Bevölkerung Zwangsabgaben an die Franzosen zu leisten. Für jeden Einwohner, Erwachsener oder Kind, musste jeden Monat ein Korb Reis bei ihnen abgeliefert werden. Die Kolonialisten hörten natürlich auch von Aliin. Es wurde ihnen berichtet, dass es in Kabrousse eine Frau gab, die den „Himmel zum Weinen“ bringen konnte.

 

 

In dieser Zeit wurden Männer für die Kolonialarmee zwangsrekrutiert, die in Europa gegen die Deutschen zu kämpfen hatten. Viele junge Männer aus der Casamance flohen nach Guinea-Bissau und Gambia, um der Zwangsrekrutierung zu entgehen. 1942 gab es in den Dörfern Youtou, Effok und Ayoume einen bewaffneten Widerstand der Diola gegen die Kolonialarmee. Hunderte mit Pfeil und Bogen bewaffnete Männer griffen Außenposten der Armee an. Als Vergeltung brannten die Kolonialsoldaten daraufhin Effok nieder. Aliin Sitoé wurde fälschlicherweise beschuldigt, diesen Aufstand angefacht zu haben.

 

 

Im Januar 1943 startete die „Opération Aliin Sitoé“ der französischen Armee unter dem Colonel Sajous, welcher vom Feldwebel Mandros, dem Militärarzt Raoul und dem Übersetzer Tété Diédhiou begleitet wurde. Njallo wurde umzingelt, das Haus von Alu Gaye umstellt. Einige Männer, die die Soldaten mit Speeren angriffen, wurden getötet. Asenebe sprang in Panik aus dem Fenster ihrer Hütte und wurde von den Kolonialsoldaten erschossen. Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden beschloss Aliin sich den Kolonialsoldaten zu stellen. Sie umarmte ihr Kind ein letztes Mal, verabschiedete sich von Alu Gaye und verließ das Haus. Sie wusste, dass sie sterben würde. Zum Abschied sagte sie zu den Menschen in ihrem Haus: „Ich bin bereits tot.“ So wurde sie zusammen mit 17 Männern, unter ihnen Alu Gaye, festgenommen und weggeführt. Während ihrer Gefangenschaft wurde sie getrennt von den Männern gehalten. Aliin wurde in eine Zelle ohne Mobiliar eingeschlossen. Es gab dort nur ein kleines Fenster, das ihre Zelle beleuchtete. Sie bekam von den Wachleuten nichts zu essen. Als ein Wachsoldat eines Morgens jedoch ihre Zelle öffnete, fand er Aliin in einem hölzernen Bett mit sauberem Laken vor. In Ihrer Zelle gab es Tongefäße mit Wasser und gekochten Reis. Als sie diese Dinge sahen, wurden die Wachleute unruhig, denn keiner von Ihnen hatte diese Dinge in Aliins Zelle gebracht. Sie wurde daraufhin in eine andere leere Zelle geführt. Aber auch hier fanden die Wachen am folgenden Morgen Aliin zusammen mit Früchten, Nüssen, Wasser und Reis vor.

 

 

Aliin Sitoé und ihr Mann Alu Gaye wurde nach Kayes in Mali verlegt, die anderen Männer wurden in verschiedene andere Gefängnisse der Region gebracht. Von Kayes aus wurde Aliin alleine nach Timbuktu weitertransportiert, wo sich ihre Spur verlor. Aufzeichnungen der Kolonialarmee belegen, dass sie dort im Jahre 1944 im Gefängnis verstarb. Auch alle anderen Männer, bis auf Alu Gaye, starben unter mysteriösen Umständen in Gefangenschaft. Dieser kehrte nach Jahren der Gefangenschaft nach Kabrousse zurück. Den Menschen in Kabrousse war es in der Folge streng verboten, nach dem Schicksal von Aliin zu fragen und Erkundigungen nach ihr wurden hart bestraft. 1986 starb Alu Gaye in Kabrousse. Sein Grab ist dort noch heute zu besichtigen.

 

Log In Registration