Im Urwald lebte einst eine Löwin mit ihren Jungen. Sie ging jeden Tag von früh bis spät auf die Jagd, um die ewig hungrigen Mäuler zu stopfen.

 

Als sie eines Abends mit reicher Beute heimkehrte, vermisste sie ein Junges.

 

Das war sicher die Hyäne, die mir einen Sohn gestohlen hat“, fauchte die Löwin wütend.

 

Am nächsten Tag fehlte wieder ein Kleines und am dritten Tag hatte sich die Hyäne schon das dritte Löwenkind geholt.

 

So kann es nicht mehr weitergehen“, sprach die Löwin am anderen Morgen zu ihren Kindern, „ich muss den Dieb erwischen, der eure Brüder gefressen hat. Ich werde mich heute im Buschwerk hinter der Hütte verstecken, und wenn ein Fremder die Hütte betritt, schreit alle zusammen laut um Hilfe, dann will ich ihm das Stehlen schon austreiben.“

 

Bald darauf erschien auch wirklich die Hyäne, die an den kleinen Löwen Geschmack gefunden hatte. Auf das Geschrei ihrer Jungen stürzte die Löwin wie ein Pfeil herbei. Sie packte die Hyäne mit ihren Krallen und Zähnen und richtete sie übel zu. Dann ging sie wie üblich auf die Jagd, denn sie dachte, die räuberische Hyäne werde inzwischen ihr Leben aushauchen. Doch die Hyäne schleppte sich mühsam in ihre sichere Behausung. Dort hatten sich schon ihre Untergebenen versammelt, um ihr den schuldigen Morgengruß darzubringen. Denn zu jener Zeit herrschte die Hyäne über die Tiere des Waldes und Hirsche, wilde Hunde, Schakale und Affen mussten sich jeden Morgen versammeln, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, ihre Befehle entgegenzunehmen und ihr die Zeit zu vertreiben.

 

Als die Löwin abends von ihrem Streifzug heimkehrte, suchte sie vergebens die Hyäne, um sie zu verspeisen. Deshalb fragte sie einen Affen, der gerade vorübersprang:

 

He, du bist doch so ein wilder Herumturner, solltest du nicht die Behausung der Hyäne kennen? Führe mich zu ihr!“

 

Der Affe merkte, dass mit der Löwin heute nicht zu spaßen war und führte sie zu der Hyäne.

 

Die lag stöhnend auf ihrem Lager und ließ sich ihre Wunden behandeln. Ringsum an den Wänden ihrer Hütte hingen die Felle der erlegten Tiere, darunter auch die der drei Löwenjungen. Ihre Untertanen saßen mit tröstenwollenden Mienen daneben. Der Hase zupfte die Diouroukelé und pries im Wechselgesang mit der Waldkatze die vergangenen Jagderfolge der Hyäne. Er zeigte auf eines der Felle an der Wand und sang:

 

Wem gehört jenes Fell, das rote?“

 

Und die Wildkatze ergänzte den Gesang:

 

Es gehört der Palmratte, der springenden Palmratte, die unser Häuptling erlegte.“

 

Der Hase zupfte die Saite der Diouroukelé und wies auf die nächste Jagdtrophäe:

 

Wem gehört jenes Fell ...“

 

In diesem Augenblick stürmte die Löwin in die Hütte. Dem Hasen blieb das Wort im Halse stecken und alle Tiere verharrten schreckenstumm auf ihren Plätzen.

 

Singt ruhig weiter“, forderte die Löwin sie auf, denn sie war sicher, dass die Hyäne ihr diesmal nicht entgehen würde und sie wollte sich an ihrem Entsetzen laben.

 

Der Hase fasste sich als erster; er wies auf das nächste Fell und sang:

 

Wem gehört jenes Fell, das weiße?“ Doch niemand wagte zu antworten.

 

Da griff die Löwin selbst zur Diouroukelé und wiederholte den Gesang.

 

Antworte, Hase!“ forderte sie drohend.

 

Der Hase sang: „Jenes Fell, das weiße, gehört der Ziege, der gehörnten Ziege, die unser Häuptling zu seiner Beute machte.“

 

Die Löwin wies auf das nächste Fell. Der Hase antwortete: „Jenes Fell, das weiche, gehört der Hirschkuh, der stolzen Hirschkuh, die unser Häuptling im Busch verfolgte.“

 

Schließlich zeigte die Löwin auf die Felle ihrer Jungen und fragte lauernd:

 

Wem gehören jene Felle, jene kleinen?“

 

Das sind die Felle der mmm“, antwortete der Hase, dem es langsam ungemütlich wurde.

 

Wen nennst du mmm, solche Tiere gibt es nicht!“ fauchte die Löwin und erhob drohend ihre mächtigen Tatzen. „Noch einmal! Wem gehören diese kleinen Felle, antworte!“

 

Das sind die Felle von deinen kleinen Kindern!“ murmelte der Hase und ein Furchtschauer schüttelte ihn. Bei diesen Worten stürzte sich die Löwin wutschnaubend auf die Hyäne und machte ihr den Garaus. Den anderen Tieren aber befahl sie:

 

Mit der Macht der Hyäne ist es fortan vorbei. Ab heute bin ich euer Häuptling. Geht in den Wald und beschafft mir was zu fressen, wenn ihr nicht selbst an meinem Bratspieß enden wollt.“

 

Alle Tiere brachten der Löwin gehorsam ihren Tribut dar. Der Hase hatte Erdnüsse für sie gestohlen, die Katze raubte Hühner, und der Affe holte von den Feldern der Bauern Tomaten. Nur der ungeschickte Ziegenbock konnte nie etwas auftreiben.

 

Eines Morgens, als die Löwin wieder die Tiere auf Beute schickte, sprach sie zu dem Ziegenbock:

 

Du wirst dein Fell nie wieder an einer Mauer scheuern, wenn du mir auch heute nichts zu fressen bringst, denn dann werde ich dich selber fressen!“

 

Der Ziegenbock ging betrübt in den Wald und jammerte vor sich hin. Unterwegs begegnete ihm eine alte Frau, die ihn teilnahmsvoll fragte:

 

Warum heulst du so, Ziegenbock?“

 

Der Ziegenbock vertraute ihr seinen Kummer an, dass er um sein Leben zitterte.

 

Beruhige dich“, sagte die Alte. „Ich will dir ein zauberkräftiges Pulver geben, damit kannst du soviel Wildbret erlegen, wie die Löwin nur haben will. Du leckst ein wenig an dem Puder und reibst damit deinen Bart ein. Wenn du ihn dann auf irgendein Tier richtest, fällt es von alleine um.“

 

Der Ziegenbock dankte der Alten und sprang mit seinem Grigri davon. Im Unterholz bemerkte er nach einer Weile ein Wildschwein. Er richtete seinen Bart in dessen Richtung und das Borstentier fiel augenblicklich tot zu Boden. Der Ziegenbock schleppte seine Beute zu der Löwin.

 

Wie hast du das angestellt, so ein Wildbret zu erlegen?“ fragte die Löwin ungläubig. „Das ist ein Tier, vor 'dem sogar ich mich manchmal fürchte.“

 

Oh, das ist, weil ich ein mächtiges Grigri besitze«, antwortete der Bock. »Wenn ich meinen Bart streiche und ihn auf irgendein Tier richte, fällt es tot zu Boden. Ich brauche mich gar nicht weiter anzustrengen.“

 

Hast du es schon gegen mich gerichtet?“ fragte die Löwin und zog sich vorsichtig zurück.

 

Noch nicht“, entgegnete der Ziegenbock und nahm all seinen Mut zusammen, „aber ich will es versuchen!“

 

Lass das sein!“, schrie die Löwin, „ich will dir deine Freiheit geben! Du kannst gehen, wohin es dir gefällt.“

 

Sie rannte davon und schrie in einem fort:

 

Komm mir nicht zu nahe mit deinem verwünschten Grigri!“

 

Nach diesem aufregenden Erlebnis ging der Ziegenbock zu den Menschen, denn er war von Natur aus schüchtern und mied fortan die gefährliche Bekanntschaft der Urwaldtiere.

 

Log In Registration