Ein Griot zog mit seiner Kora durch die Lande und unterhielt die Leute mit seinen Geschichten und Liedern, erlebten und erfundenen, spaßigen und traurigen, wie ihm der Sinn stand. Eines Tages erzählte er die Geschichte von Ndanji, dem afrikanischen Holzschnitzer, der eine lebende Puppe geschaffen hatte. Er war ein berühmter Holzschnitzer; seine Götterbilder, die er aus Holz und Elfenbein schnitt, hatten Gesichter, als würden sie leben, die Lippen öffnen und zu sprechen beginnen. Und in ihren Augen spiegelte sich Spott und Weisheit, Trauer und Freude.

 

Einmal sollte Ndanji für den Häuptling eine große Statue schnitzen. Er ging deshalb in den Wald, um einen passenden Stamm auszuwählen. Nach langer Suche fand er einen Taculabaum, der, gerade gewachsen, ihm eben recht schien.

 

Doch die Alten des Dorfes warnten ihn: „Nimm nicht das Holz des Tacula, in ihm wohnen die Seelen der Walddämonen, du wirst sie erzürnen, wenn du ihren Baum fällst und sie werden deiner Arbeit schaden.“

 

Doch Ndanji, der junge Holzschnitzer, schlug ihren Rat in den Wind und nahm den Stamm. Er schnitzte aus dem rotbraunen Holz die Statue eines Mädchens. Als er den letzten Schnitt getan und die Tätowierungszeichen auf der Wange vollendet hatte, schlug die Holzfigur die Augen auf, öffnete den Mund und lächelte. Sie streckte die Hände aus, probierte vorsichtig die Füße, und als eben ein Griot mit seiner Gitarre vorüberging und unter dem Baobab die Trommel erklang, begann sie zu tanzen. Ihre Füße stampften den Boden und ihre Hände schlugen den Takt.

 

Der Holzschnitzer war sehr bestürzt, und die Alten sagten: »Wir haben dich gewarnt, das Holz des Tacula zu nehmen. Wer weiß, welch ein Unheil so ein Wesen heraufbeschwört. Wirf sie ins Feuer und bringe den erzürnten Waldgeistern ein Opfer.

 

Doch Ndanji hatte mit aller Liebe an seinem Werk gearbeitet und brachte es nicht übers Herz, es zu vernichten. Er schlachtete eine Ziege und opferte sie den Walddämonen.

 

Die Holzfigur aber nannte er Tacula und überreichte sie dem Häuptling, doch verschwieg er ihm ihr Geheimnis. Der Häuptling lobte das vollendete Kunstwerk und stellte es in seine Hütte. Zuweilen, wenn seine Zeit es ihm erlaubte, betrachtete er es und bewunderte die Arbeit des jungen Holzschnitzers. Weilte ein fremder Häuptling bei ihm zu Gast, versäumte er nicht, ihm, voll Stolz auf seine geschickten Handwerker, die Statue vorzuführen. Doch sonst wusste der Häuptling wenig mit Tacula anzufangen, war sie für ihn doch nur eine Statue wie jede andere.

 

Tacula aber verging in der Hütte vor Einsamkeit. Sie sehnte sich nach dem Rauschen der Bäume, dem Flüstern des Windes, nach dem Gesang der Vögel und dem nächtlichen Tosen der Stürme. Denn sie war nicht eine gewöhnliche Holzstatue. Sie glich aber auch nicht den Menschen, die sich nach eigenem Willen bewegen. Ihr konnte nur die Liebe eines Menschen die Kraft verleihen, ihnen ähnlich zu werden. Der Holzschnitzer, der mit ganzem Herzen an seinem Werk gearbeitet hatte, vermochte ihr Leben einzuhauchen, doch die Gleichgültigkeit des Häuptlings ließ sie wieder erstarren.

 

Eines Tages nun ging ein Jäger an der Hütte des Häuptlings vorüber und erblickte Tacula. Ihre fremde Schönheit und die Melancholie ihrer Augen drangen ihm tief ins Herz und er musste immerfort an sie denken. Jeden Tag suchte er eine Gelegenheit, sie zu betrachten, und seinen Weg in den Wald wählte er stets so, dass er ihn an der Hütte des Häuptlings vorüberführte. Auch Tacula wurde sein Anblick so vertraut, dass sie vom Abend auf den Morgen wartete, da er wieder vorüberkommen würde. Und eines Nachts, als das Tamtam unter dem Baobab zum Tanze rief, die Gitarren lockten und die Marimba sang, bewegte Tacula wie einst ihre Füße und sprang davon. Fortan tanzte sie in mondhellen Nächten mit den Leuten des Dorfes, und sie sahen das freundliche Mädchen gern, weil es sie neue, nie gesehene Tänze lehrte.

 

Als der Jäger eines Tages vergeblich viele Stunden einer Antilope nachgespürt hatte und sich zu kurzer Rast unter einem schattigen Eukalyptusbaum niederlassen wollte, erblickte er Tacula, die aus der dumpfen Hütte in den Wald entflohen war. Der Jäger setzte sich zu ihr und bald hatte er vergessen, was ihn in den Wald geführt hatte. Tacula lehrte ihn, die Stimmen der Vögel und das Summen der Insekten zu verstehen, er hörte plötzlich, was der Wind in den Blättern raunte und lauschte neugierig dem Murmeln des Flusses, der von seiner Reise durch den dichten Dschungel und die dürstenden Savannen berichtete und seine Wasser von den hohen Bergen zum fernen Meer trug. Der Jäger war von den Wundern des Waldes und seinen Geheimnissen so verzaubert, dass er seine Zeit nur noch Tacula widmete. Streiften sie durch den Dschungel, näherten sich ihnen die Tiere ohne Scheu. Doch niemals gelang es dem Jäger, ein Wildbret zu erlegen. Er verlor ihre Fährten und selbst wenn er einem Tier nahe war, verfehlte sein Pfeil wie durch einen Zauber sein Ziel.

 

Indessen wartete die Frau des Jägers vergeblich auf seine Heimkehr und kam er endlich, doch stets mit leeren Händen, überhäufte sie ihn mit Klagen und Vorwürfen. Schließlich wusste die Frau des Jägers keinen Rat; sie lief zum Wahrsager und bat ihn, das flüchtige Jagdglück für ihren Mann wieder zu beschwören und den Bann der Waldgeister zu brechen. War es die Kraft des Medizinmannes, war es der Jammer seiner Frau, wer vermag es zu sagen, was den Sinn des Jägers änderte. Er begann, sich vor dem Zauber Taculas zu fürchten und mied fortan die Hütte des Häuptlings. Tacula wartete Tag für Tag vergebens auf ihn. Und führte den Jäger die Gewohnheit den vertrauten Weg an Taculas Hütte vorbei, so wandte er den Rücken und floh eilig davon. Ruhelos und unglücklich streifte er umher, oft ließ er sich, Trost suchend, an den Plätzen nieder, an denen er mit Tacula gesessen hatte. Doch der Wald war für ihn verstummt, die Vögel schwiegen und· der Fluss erzählte keine Geschichten, er plätscherte über die Steine, wie es jedes gewöhnliche Wasser tat.

 

Tacula saß reglos in ihrer Hütte und auch der Ruf des Tamtam vermochte nicht, sie herauszulocken. „Was hat seinen Sinn geändert, welcher Tag hat mir dieses Unheil gebracht?“ fragte sie unaufhörlich. „Ein Tag hat mich so strahlend und freundlich begrüßt wie der andere, doch als er am Abend von mir ging, hatte er mir etwas Böses angetan, ich muss den Tag finden, ich muss ihn fragen, warum er es getan hat“, dachte sie. Doch wer ist ihn jemals gegangen, den beschwerlich weiten Weg in jene Welt, wo die vergangenen Tage aufbewahrt werden? Und gar allein?

 

In ihrer Verzweiflung lief Tacula zu dem Jäger und beschwor ihn: „Lass uns den Tag suchen, der uns um unsere Freundschaft brachte und uns trennte. Es ist ein weiter Weg, doch wir müssen ihn gemeinsam gehen.“

 

Der Jäger stimmte frohen Herzens zu. Doch der Weg war hart, er führte durch dichten Dschungel, über steile Felsabhänge. Durst und Moskitoschwärme quälten ihn und der Zweifel hemmte seinen Schritt. Als sie eine Weile gewandert waren, tat sich ein kleines unscheinbares Rinnsal zwischen ihnen auf, sie beachteten es nicht und schlugen sich weiter durch den Busch auf der Suche nach dem richtigen Weg, jeder auf einer Seite. Doch das Wasser wurde zu einem Bach und schwoll unversehens an. »Komm herüber«, rief Tacula und reichte ihm die Hand. Aber der Jäger fürchtete auszugleiten und in einem moorigen Boden zu versinken. »Dort hinten ragen einige Steine aus dem Wasser, die werden mir als Brücke dienen«, wehrte er ab und schritt weiter. Doch als sie bei den Steinen anlangten, war das Wasser viel reißender geworden und der Jäger fürchtete, von den glitschigen Felsen in eine unbekannte Tiefe zu stürzen. »Dort hinten ragt ein Baumstamm über das Wasser, da komm ich mit Leichtigkeit hinüber«, vertröstet er Tacula. Aber bei dem Baumstamm bemerkten sie, dass er nur bis zur Hälfte des Flusses reichte, der hier mit wilder Kraft über die Felssteine stürzte, und der Jäger fand nicht den Mut, hinüberzuspringen. Vergeblich streckte Tacula die Arme aus, zu tief war die Kluft, die sie trennte. So wanderten sie noch eine Strecke nebenher, von dem tiefen Wasser geschieden. Bald verdeckten ihnen dichtes Uferschilf, bald am Wasser wuchernde Büsche die Sicht. Tacula war sicher, dass sie den gleichen Weg gingen, auf der Suche nach dem verlorenen Tag. Am Ufer des Jägers türmte sich nun ein hohes Gebirge und der Fluss war so breit geworden, dass der Jäger Tacula kaum noch wahrnahm. „Wieviel Beschwernis mag uns der Weg noch bringen“, dachte er verzweifelt, „und wem ist es je gelungen, vergangene Tage zurückzuholen?“ Ihm sank der Mut und er kehrte um. Tacula gelangte nach langer Wanderung an eine große Höhle. Den Eingang bewachte ein Dschinn, der fragte Tacula nach ihrem Begehr.

 

Ich suche einen verlorenen Tag, an dem mir ein Unglück zugestoßen ist“, sprach Tacula.

 

Warum willst du ihn denn finden?“

 

Mich hat ein Holzschnitzer geschaffen“, sprach Tacula, „und ich kann nur durch die Liebe eines Menschen leben. Doch diese Liebe habe ich an einem Tag verloren und ich fürchte mich, wieder eine leblose Holzstatue zu werden und in der dumpfen Hütte des Häuptlings alle Tage zu verdämmern.“

 

Wie willst du diesen Tag aber finden?“ fragte der Dschinn zweifelnd.

 

Er kann nicht wie alle anderen Tage sein“, entgegnete Tacula, „er muss ein besonderes Zeichen tragen.“

 

Du hast das Ungewöhnliche gewagt“, sprach der Dschinn, „darum soll dir gestattet sein, was nie einem Menschen gelang. Tritt ein, ich will dir die Höhle zeigen, aber du wirst sehen, dass dein Wunsch unerfüllbar ist.“

 

Damit führte sie Tacula in die Höhle und fuhr fort:

 

Schau, hier liegen die ungeborenen Tage, die noch keines Menschen Auge sah. Sie sind makellos rein, glatt und ohne Falten. Doch wenn sie am Abend müde heimkehren, sind sie von Falten und Furchen durchzogen, mit Zeichen und Flecken bedeckt, hellen frohen und dunklen, traurigen. Alles Leid der Welt hat sich mit dunklen Linien auf ihnen eingetragen, und alle frohen Ereignisse sind in leuchtenden Farben verzeichnet. In einem

 

Land gibt es bitteren Krieg, eine Dürre hat die Ernte zerstört, in einem anderen feiern die Menschen zur gleichen Zeit ein Erntefest. Eine Mutter beweint ihren Sohn, eine andere freut sich ihres neugeborenen Kindes. Doch es gibt mehr Traurigkeit auf der Welt, wie willst du dein kleines Leid herausfinden? Schau in die Fächer“, fuhr der Dschinn fort. „Anfangs sind die Tage dick und prall, angefüllt mit allen Ereignissen, sie quellen über vor Freude und Leid. Und wir packen die Tage übereinander, sieben auf einen Stapel. Doch nach kurzer Zeit verlieren sie an Gewicht, die Ereignisse verblassen, die Säcke schrumpfen zusammen. Die Linien glätten sich und die Farben verbleichen, nur weniges hebt sich noch hervor. Auf den gleichen Stapel legen wir nun dreißig Tage. Doch die Zeit presst sich weiter zusammen. Und wenn du, Tacula, lange herumgehst und deinen Tag suchst, wirst du bald nicht mehr wissen, warum du gekommen bist.

 

Schau, auf diesem kleinen Haufen liegen die Tage ganzer Jahrhunderte. Sie sind blass und dünn wie ein welkes Blatt.“

 

Der Dschinn kehrte um und zog Tacula zum Ausgang der Höhle. „Such' nicht die vergangenen Tage, sie sind gestorben und geben dir nichts wieder von dem, was sie dir genommen. Schau die vielen weißen neuen Tage, sie sind noch unbeschrieben, sie sind auch für dich da. Geh zurück zur Erde und hilf, dass sie so hell bleiben und sich nur mit leuchtenden Farben bedecken. Damit wirst du die Liebe vieler Menschen gewinnen und bald nicht mehr die Statue aus dem Taculabaum sein.“

 

Nach diesen Worten zog der Dschinn einen neuen Tag aus dem Fach und Tacula schwebte mit ihm zur Erde zurück zu den Menschen. Und niemand ahnte, dass sie einst eine Holzstatue war, so ähnlich ist sie den Menschen geworden.

 

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