Als die Dürrezeit eines Jahres wieder ungewöhnlich lange anhielt, alle Wurzeln und Kräuter vertrockneten und der Hunger in den Hütten hockte, ließ der Häuptling die Trommel schlagen und alle Leute auf dem Dorfplatz versammeln. Er sprach:

Wer fortan etwas zu essen findet, muss es vor meine Hütte bringen, damit ich es gerecht verteile und auch die etwas zu essen bekommen, die einmal nichts gefunden haben.“

Die Leute nickten mit dem Kopf und hielten es so, wie der Häuptling befohlen hatte. Eines Tages ging die Spinne in den Busch, um Holz zu schlagen. An einem Fluss sah sie einen weit über das Wasser ragenden Baum. Sie stieg hinauf, um einige Zweige abzuschlagen. Dabei glitt ihr das Beil aus der Hand und fiel ins Wasser. Die Spinne sprang herab und watete durch das seichte Wasser. Doch das Beil war nicht zu finden. Stattdessen stieß sie an eine handtellergroße Kalebassenscherbe, ein Jotum, mit dem die Frauen Breireste aus den Kochtöpfen kratzen. Die Spinne betrachtete den Fund und fragte:

Was bist du?“

Die Kalebassenscherbe antwortete: „Ich bin Jotum.“

Neugierig fragte die Spinne weiter: „Bist du mein Vater oder bist du meine Mutter?“

Die Kalebassenscherbe entgegnete: „Ich bin Jotum deine Mutter.“

Was machst du hier? Das möchte ich wohl wissen“, fragte die Spinne belustigt.

Statt einer Antwort strömten aus dem Jotum Reisbrei, geröstete Erdnüsse und gebratene Maniok-Wurzeln, Essen in Hülle und Fülle. Die Spinne ließ sich nicht erst auffordern und schlang und stopfte, was nur in sie hineingehen wollte. Dann steckte sie das Jotum in ihren Schultersack und ging heim.

Ich habe euch heute etwas mitgebracht, das den Hunger für immer aus unserer Hütte verbannt“, begrüßte die Spinne Frau und Kinder und packte das Jotum aus.

Was machst du hier? Das möchte ich wohl wissen!“ So forderte sie die Kalebassenscherbe auf und sogleich strömte so viel Zu essen heraus, dass es für das ganze Dorf gereicht hätte. Die Spinnenfamilie schmatzte laut und ungeniert, so dass das Chamäleon, das in der Hütte nebenan wohnte, aufmerksam wurde und zur Spinne hineinschaute:

Kannst du mir ein Feuerscheit leihen?“ fragte das Chamäleon mit einem harmlosen Gesicht und ließ seine Augen flink und keck in der Hütte herumgehen.

Ich habe gerade kein Feuer“, entgegnete die Spinne verlegen, „doch du kannst mit uns essen, wir haben heute reichlich gekocht.“

Das Chamäleon fraß sich voll und lief geradewegs zum Häuptling.

Hast du nicht befohlen, dass jeder, der etwas zu essen auftreibt, es mit den anderen teilen soll?

Das habe ich befohlen und so halten wir es auch seitdem“, erwiderte der Häuptling.

Doch nicht alle folgen deinem Gesetz. Die Spinne hat Essen im Überfluss. Sie gibt aber nur dem etwas ab, der zufällig vorüberkommt“, klagte das Chamäleon empört.

Da ließ der Häuptling die Spinne rufen:

Habe ich nicht gesagt, dass jeder, der etwas zu essen hat, es mit den anderen teilen soll!“

So ist es“, gab die Spinne scheinbar zerknirscht zur Antwort. „Hast du etwas zu essen?“

Ich will es dir zeigen“, erwiderte die Spinne, holte ihre Kalebassenscherbe hervor und sprach:

Was machst du hier? Das möchte ich wohl wissen.“

Sogleich strömten aus dem Jotum viele gute Speisen, Essen in Hülle und Fülle. Die Leute, die herumstanden, wollten sich gleich darüber hermachen. Doch der Häuptling gebot ihnen Ruhe und sorgte dafür, dass alles gerecht verteilt wurde. Fortan ließ der Häuptling jeden Morgen und jeden Abend die Trommel schlagen und alle kamen eilig herbei, Junge und Alte, Kranke und Gesunde, Männer und Frauen. Die Kalebassenscherbe schien unerschöpflich zu sein und alle Leute hatten genug zu essen. So ging das eine ganze Zeit lang und jeder glaubte, es würde immer so weitergehen. Die Leute wurden faul und als die Trockenzeit vorüber war, dachte niemand daran, die Felder für die nächste Ernte zu bestellen. Doch eines Tages war das Jotum versiegt. Man mochte es bitten so viel man wollte, es rührte sich nicht und glich nur noch einer gewöhnlichen Kalebassenscherbe, mit der die Frauen Breireste aus den Töpfen kratzen. Doch es gab nichts auszukratzen, denn niemand hatte sein Feld bestellt, und die Not schien ärger als zuvor, weil das lange Nichtstun Menschen und Tier träge gemacht hatte. Da beschloss die Spinne, ihr Glück noch einmal zu versuchen. Sie ging wieder an den Fluss und stieg auf den überhängenden Baum, um einige Äste abzuschlagen. Aber so ungeschickt sie sich auch anstellte, die Axt glitt diesmal nicht herab. Da warf die Spinne ihre Axt einfach ins Wasser und sprang gleich hinterdrein. Wie sie so in dem Wasser suchte, stieß sie mit dem Fuß an einen Gegenstand. Freudig holte sie ihn heraus. Es war eine Peitsche, aus der Haut eines Nilpferdes geflochten.

Wer bist du, mein Vater oder meine Mutter?“ fragte die Spinne.

Ich bin Maligolo, dein Vater“, antwortete die Peitsche.

Was machst du hier? Das möchte ich wohl wissen“, fragte die Spinne keck,

Da fuhr die Peitsche auf die Spinne los und schlug sie grün und blau. Endlich gelang es der Spinne, die Peitsche zu packen. Sie klemmte sie fest unter den Arm und rannte eilig zum Häuptling.

Ich habe wieder etwas im Fluss gefunden, wo ich damals das Jotum fand“, sprach sie scheinheilig.

Der Häuptling ließ mit dem Tam-Tam die freudige Nachricht verbreiten und alle Leute kamen herbeigelaufen. Er befahl ihnen, sich im Kreise aufzustellen und ruhig abzuwarten, bis sie an die Reihe kämen.

Ich bin nicht hungrig, ich möchte diesmal nichts abhaben“, sagte die Spinne großzügig und machte sich eilig davon.

Der Häuptling sprach zu der Peitsche:

Was machst du hier? Das möchte ich wohl wissen!“

Da sprang die Peitsche dem Häuptling den Rücken hinauf und herunter; sie schlug auch auf alle Leute ein und prügelte ihre faulen Hände und Füße. Endlich gelang es dem Häuptling, die verwünschte Peitsche einzufangen.

Von nun an nahmen sich die Leute vor, wieder ihre Felder zu bestellen, denn Maligolo hatte sie gelehrt, dass unverdienter Überfluss schwer verdaulich ist.

 

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