In uralten Zeiten, lange bevor die Welt von Menschen bewohnt war, hauste Sa, der Tod, ganz allein mit seiner Frau und seiner Tochter auf der Erde. Er hatte nicht daran gedacht, die Erde zu verschönern, sondern lebte in immerwährender Dunkelheit in einem endlosen Meer aus Schlamm.

 

Eines Tages besuchte ihn der Gott Alatangana. Er entsetzte sich über die trostlose Öde und machte dem Tod heftige Vorwürfe, weil er eine so unwirtliche Welt geschaffen habe, ohne Pflanzen, ohne lebende Wesen, ohne Licht.

 

Doch der Gott Alatangana verlor nicht viel Zeit mit Worten, sondern machte sich selbst ans Werk. Er legte das Meer aus Schlamm trocken und formte die Erde, mit Bergen, Tälern, Seen und Flüssen. Jedoch noch immer schien sie ihm zu kahl und zu verlassen.

 

Deshalb schuf er die Pflanzenwelt: dichte Urwälder und weite Savannen, die schattenspendenden Mangobäume und das kleine Fonio-Korn, leuchtende Blumen und nahrhafte Wurzeln, heilkräftige Kräuter. Dann bevölkerte er die Erde mit Tieren aller Art. Er schickte die Elefanten, Panther und Leoparden in die Wälder, die schönsten Antilopen und Ziegen in die Berge, die langhalsigen Giraffen, die Ratten und die schnellfüßigen Straußvögel in die Savanne. Für die Lüfte erfand er die Vögel und für das Wasser die Fische, Frösche und Krokodile.

 

Dem Tod gefiel diese Veränderung seiner Wohnstatt außerordentlich, und er fasste eine tiefe Zuneigung für Alatangana und bat ihn, sein Gast zu sein, solange es ihm beliebe.

 

Alatangana ließ sich nicht lange bitten. Lag ihm vielleicht weniger an der Gesellschaft Sas, so gefiel ihm doch dessen Tochter so gut, dass er eines Tages seinen Gastgeber bat, sie ihm zur Frau zu geben. Doch Sa hatte nur diese eine Tochter und wollte sie nicht hergeben, deshalb erfand er viele Ausreden und schließlich wies er den Bewerber ab. Alatangana gab sich damit nicht zufrieden, und weil das junge Mädchen an ihm auch Gefallen fand, heirateten sie heimlich und flohen in eine entfernte Ecke der Welt, um dem Zorn des gekränkten Vaters zu entgehen. Das junge Paar lebte glücklich und bekam viele Kinder. Sieben Knaben und sieben Mädchen, davon waren vier Mädchen und vier Jungen weiß und drei Mädchen und drei Jungen von schwarzer Hautfarbe. Doch als die Kinder heranwuchsen, wurden die Eltern mit Schrecken gewahr, dass alle Kinder in verschiedenen Sprachen redeten und die Eltern sie nicht verstehen konnten. Alatangana erriet, dass dies eine Sache Sas war, deshalb beschloss er, den Tod um Verzeihung und um Rat zu bitten. Er machte sich sogleich auf den Weg.

 

Der Tod hatte den Verlust seiner Tochter noch nicht verschmerzt und empfing Alatangana zurückhaltend.

 

Ich habe dich bestraft, weil du mich beleidigt hast“, sprach er, „deshalb wirst du niemals verstehen können, was deine Kinder sprechen. Ich befehle dir außerdem, dass deine weißen Kinder untereinander heiraten müssen und deine dunkelhäutigen Kinder auch.“

 

Alatangana stimmte zu, um den erzürnten Tod zu besänftigen. Nach seiner Rückkehr verheiratete er seine Kinder miteinander. Sie verstreuten sich über alle Teile der Welt und wurden zu Urvätern der weißen und der schwarzen Rasse.

 

So bevölkerte sich allmählich die Welt. Doch die Menschen lebten noch immer in Finsternis. Alatangana beschloss, den Tod um Licht zu bitten. Er wählte den Tou-Tou, einen kleinen roten Vogel und den Hahn als Boten.

 

Der Tod hörte die beiden Gesandten an und sprach:

 

Geht wieder nach Hause, ich schenke euch beiden den Gesang, damit werdet ihr jeden Morgen das Licht herbeirufen, damit die Menschen ihrer Arbeit nachgehen können.“

 

Als die beiden Vögel heimkamen, fragte Alatangana, was sie ausgerichtet hätten.

 

Wir wissen es nicht“, antworteten sie, „denn die Worte von Sa blieben uns dunkel.“

 

Alatangana wurde sehr wütend:

 

Wozu habe ich euch hingeschickt, wenn ihr mit leeren Händen zurückkommt!“ rief er und schlug nach dem Hahn. Der stieß einen ängstlichen Schrei aus. Doch kaum war der letzte Ton verhallt, da geschah das Wunder. Es wurde hell, und der erste Tag der Welt begann. Die Sonne erschien am Horizont und zog ihre Bahn, wie Sa sie ihr vorgeschrieben hatte. Als die Sonne ihre Reise beendet hatte, legte sie sich am anderen Ende der Erde zum Schlafen nieder. In diesem Augenblick erschienen die Sterne, damit die Menschen ein wenig Licht hätten. Fortan müssen die beiden Vögel, die Alatangana ausschickte, jeden Morgen singen, damit die Sonne wiederkommt. Der kleine rote Tou-Tou beginnt ganz in der Frühe und der Hahn löst ihn eine Stunde später ab.

 

Nachdem Sa den Menschen Tag und Nacht, Sonne und Sterne gegeben hatte, ließ er eines Tages Alatangana zu sich rufen. „Einst hattest du mir meine einzige Tochter geraubt“, hub er an, „Ich habe dir stattdessen nur Gutes getan. Es ist jetzt an dir, mir einen Dienst zu erweisen. Weil du mir damals mein Kind geraubt hast, musst du mir von jetzt an jedes Mal eines deiner Kinder geben, wenn ich es von dir fordere. Ich werde es jedes Mal selbst aussuchen.“

 

Alatangana wusste nur zu gut, dass er im Unrecht war, deshalb musste er dem Vorschlag des Todes zustimmen. Und aus diesem Grunde müssen die Kinder der Erde sterben, wenn Sa sie ruft.

 

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