Der Wind war ein unsteter wilder Gesell. Er stürmte über die Gipfel der Berge, zauste die Kronen der höchsten Bäume und trieb die Wolken vor sich her. Wenn es ihm gefiel, peitschte er die Wogen des Meeres, dass sie hochauf über die Felssteine schäumten. Des Nachts strich er oft durch die regenfeuchten Straßen der schlafenden Dörfer und lauschte den Träumen der Menschen. Er hatte kein Heim, sein Haus war die Welt.

 

Doch einmal war der Wind müde vom ewigen Herumtollen. Er fuhr hinab von den Bergen und ließ sich in einem felsigen Talkessel nieder. Hier war es still und heiß. Die Sonne brannte auf die nackten Felsen und verdorrte Gras und Pflanzen. Nur ein einsamer Busch streckte seine Zweige in den flimmernden Dunst. Der Wind strich ihm über die Blätter und sprach voll Mitleid:

 

Wie dürftig du bist, kleiner Busch, warum nährt dich dein Boden nicht?“

 

Der Boden ist felsig, es flieht uns der Regen und die Sonne brennt ohne Erbarmen«, seufzte der Busch.

 

Du dauerst mich«, sprach der Wind, »ich will dir helfen.“

 

Der Wind fuhr empor und trieb dunkle schwere Regenwolken in das Tal. Dann fegte er den Himmel wieder blank und schob nur dann und wann eine flockige Wolkenherde vor die Sonne, um ihre sengenden Strahlen zu mildern. Das Gras im Tal begann zu sprießen, von den Bergen rannen kleine Bäche und der Busch streckte sich und wuchs zu einem Baum heran, bedeckt mit dichtem grünem Laub. Der Wind sorgte stets für Regen und Sonne und schob die Wolken nach seinem Willen am Himmel umher. Es schien, als gäbe es für ihn auf der Welt

 

nichts weiter zu tun, als für diesen einen Baum zu sorgen. Indessen schauten die Bauern besorgt in den Himmel. Die Zeit war heran, die Felder für die neue Aussaat umzubrechen. Wo blieb der Regen? Die Wolken jagten vorbei, doch sie schienen einem anderen Ziel zuzustreben. Die Herden wurden immer magerer, denn sie fanden kein frisches Gras. Flüsse und Bäche vertrockneten und die Palmen ließen ihre gelbgedorrten Zweige hängen. Vergebens beschworen die Medizinmänner den Regengott, opferten ihm Hühner und Ziegen und warfen Antwort heischend Kaurimuscheln in den Sand. Kein Windhauch rührte sich.

 

Eines Morgens, als der Wind erwachte, war der kleine Baum über und über mit duftend gelbweißen Blüten bedeckt.

 

Mango! Wie bist du schön“, rief der Wind verwundert und er glaubte fast, auf seinen Reisen durch die weite Welt sei ihm nie ein schönerer Baum begegnet. Und der unstete wilde Gesell verliebte sich in den gelb blühenden Mangobaum.

 

Wir wollen uns niemals trennen“, bat der Wind im Überschwang.

 

Ich nehm' dich auf allen meinen Reisen mit. Ich zeige dir die weite Welt. Es gibt nichts Schöneres, als über die Berggipfel hinzustürmen. Wellen und Wolken gehorchen mir und die Kronen der mächtigsten Bäume beugen sich meiner Kraft.“

 

Als das Felsental diese Worte vernahm, wurde es traurig. Es hielt die Wurzeln des Baumes fest umklammert und klagte zornig:

 

Warum raubst du einem Armen das einzige, das er besitzt? Gehört dir nicht die ganze Welt!“

 

Sei nicht undankbar“, erwiderte der Wind. „Wer hat den kleinen Busch zum Blühen gebracht? Wer hat ihm einen festen Stamm und dunkelgrünes Laub gegeben? Welch ein elendes Dasein führte er bei dir?“

 

Ihren Streit unterbrach der Mangobaum:

 

Ach Wind, du hast vergessen, dass ich dir nie gleichen kann? Du brachtest mir Regen und machtest mich blühen. Doch ich müsste verdorren, wolltest du meinen Wurzeln den Boden rauben, und sei er noch so karg.“

 

Du hast recht, Mangobaum“, sagte der Wind. „Doch kannst du nicht mit mir gehen, so will ich bei dir bleiben. Was brauche ich die Welt! Ich habe sie lange genug durchstreift. Ich will dir alle Geschichten erzählen, die ich erlauschte, dann wird die Zeit uns niemals lang.“

 

Doch da sprach der Mangobaum traurig:

 

Ach Wind, was wirst du für ein Wind sein, wenn du aufhörst zu wehen. Alle Weiden verdorren, die Menschen sterben Hungers und die stehenden Wasser werden faul. Dein Platz ist nicht hier. Du wohnst in der Welt.“

 

Da nahm der Wind Abschied von dem Mangobaum. Doch er nahm den Duft der gelbweißen Blüten mit und trug ihn zu den Menschen. Die Bauern auf den Feldern richteten ihre gebeugten Rücken auf und blickten dem Wind hoffnungsvoll entgegen. Er trocknete ihre schweißnassen Stirnen und brachte den lang entbehrten Regen. Doch in der Luft blieb der Duft der Mangoblüten. Die Menschen machten sich auf und gingen ihm nach. Als sie in das Felsental kamen, da war der Baum mit goldgelben süßen Früchten bedeckt, die niemand zuvor gesehen hatte. Die Menschen nahmen davon mit, soviel sie tragen konnten. Die Kerne der saftigen Früchte pflanzten sie auf ihre Höfe und bald wuchsen überall im Land hohe starkstämmige Mangobäume, deren dichtes Laub wohltuenden Schatten spendete.

 

Und jedes Jahr, wenn die Früchte reifen, bringt der Wind ihnen den ersten Regen. Dann sagen die Leute: „Das ist der Mangoregen, bestellt eure Felder, die Trockenzeit ist vorüber.“

 

Und ein Junge sagt wohl zu seinem Mädchen:

 

Ich schenke dir die erste Mango des Sommers.“

 

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