Hexerei. Hexerei ist eine Realität. Immer wenn jemand aufsteigt, Erfolg hat, überdurchschnittlich ist, riskiert er, verhext zu werden. Der Neid ist so allgegenwärtig. Das führt zu Angst, Entmutigung, Lähmung jeder Initiative. Hexen essen am liebsten Erfolgreiche, Diplomierte, Studenten, junge hoffnungsvolle Talente. Und am liebsten einen aus der Familie …“.

 

(David Signer, 2004, Die Ökonomie der Hexerei, S. 11)

 

 

Individueller Erfolg und sozialer Aufstieg sind gefährlich, weil sie Neider anziehen. Für junge Menschen in Westafrika zahlt es sich nicht aus durch harte Arbeit Geld zu verdienen, denn ihren Verdienst verlieren sie wieder an Freunde und Verwandte, die sich das Geld „ausleihen“. Sollten sie sich weigern, von ihrem Verdienst abzugeben, riskieren sie verhext zu werden. Das ist ein entscheidendes Hemmnis für die Weiterentwicklung Westafrikas.

 

Hexen und Seher

 

In allen westafrikanischen Familien kommt es vor, dass Kinder mit besonderen Fähigkeiten (d.h. mit einer starken Traumseele) geboren werden. Hexen versuchen diese besonderen Menschen an sich zu binden. Die meisten dieser Menschen widerstehen jedoch dieser Verlockung. Tagsüber gehen sie ihrer normalen Tätigkeit nach, nachts beschützten sie die Familie vor den Hexen. Diese Seher geben sich den Familienmitgliedern nicht zu erkennen, sie agieren im Verborgenen. In der Kaste der Schmiede findet man besonders häufig Seher. Einige Menschen mit besonderen Fähigkeiten geben der Versuchung der Hexen allerdings nach und werden so ebenfalls zu Hexen. Hexen können also Frauen, Männer, ja selbst Kinder sein. In einem Familienclan kann es somit gleichzeitig Seher und Hexer geben, die sich gegenseitig bekämpfen. Hexen sind nachtaktiv, weshalb sie im Wolof auch nitu guddi „Menschen der Nacht“ heißen. Ab Mitternacht verlässt ein double der Hexe den Körper. Dieses double muss nicht notwendigerweise eine Kopie des (originalen) Körpers sein, es kann auch eine andere menschliche Gestalt annehmen oder sich in ein Tier transformieren. Häufig verwandelt sich ein double in eine Eule, weil das die einfachste Transformation ist. Es kann sich aber auch in eine Hyäne oder in ein anderes Tier verwandeln. Der eigentliche (originale) Körper der Hexe verlässt seinen Platz nicht. Eine Hexe nimmt die Seele ihres Opfers in Besitz und verwandelt es dann in ein Wildtier, um dieses dann zu essen. Nach Überzeugung afrikanischer Gesellschaften können Hexen auch Mauern durchdringen. Sie können sogar in ferne Länder fliegen.

 

Nur einige wenige Menschen können von Hexen nicht getötet werden, weil sie unter dem Schutz Gottes stehen. Eine Hexe stirbt, wenn man die Stellung des (originalen) Körpers in der Nacht verändert, bevor das double zurückgekehrt ist (beispielsweise, indem der Körper umgedreht wird). Das double kann dann nicht mit dem Originalkörper verschmelzen. Es gibt allerdings auch besondere Seher, die die Fähigkeit haben Hexen zu töten. Nach dem Tod schmoren die Hexen dann im Höllenfeuer. Es wird gesagt, dass Hexen von ihrem Schicksal nur erlöst werden, wenn sie während der Initiationszeremonie an die Traumseele eines Novizen gelangen, diese in ein Wildtier umwandeln und dieses dann aufessen. Das ist der Grund, weshalb Hexen auf der Jagd nach den Seelen initiierter Novizen sind.

 

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