René Caillié (* 19. November 1799 in Mauzé-sur-le-Mignon (Deux-Sèvres), Frankreich; † 17. Mai 1838 in La Gripperie-Saint-Symphorien bei Rochefort) war ein französischer Afrikaforscher.

 

Caillié wurde in die niedrigste europäische Gesellschaftsschicht hinein geboren. Sein Vater war der Bäcker eines französischen Provinznests und kam wegen Diebstahls ins Gefängnis, als der Sohn noch sehr jung war. Als die Mutter starb, war Caillié gerade zwölf Jahre alt. Er ging bei einem Schuster in die Lehre. Eine weiter gehende Schulbildung erhielt René Caillié nicht, geschweige denn eine wissenschaftliche Ausbildung.

 

In seiner Jugendzeit löste das Buch von Robinson Crusoe bei ihm die Liebe zu Reise und Abenteuer aus. Er träumte davon, als erster Europäer die für Christen streng verbotene Stadt Timbuktu zu betreten.

 

Timbuktu galt zu dieser Zeit als die „Königin Afrikas“, eine Zauberstadt wie aus „Tausendundeine Nacht“. Ein Knotenpunkt der Handelsrouten, ein Zentrum der arabischen Kultur. Hier sollten mächtige Scheichs residieren und reiche Kaufleute ihre Geschäfte tätigen. Kostbare Stoffe und duftende Gewürze sollten die Basare füllen und prächtige Paläste mit schattigen Innenhöfen die Straßen säumen. Mosaike, Marmor und Moscheen – an allen Orten der Stadt sollte der Reichtum dem Besucher ins Auge springen. Und über allem tönte der Ruf der Muezzin, der die Menschen fünfmal am Tag zu ihren Gebeten rief. So jedenfalls stellte man sich im Europa des 18. Jahrhunderts die geheimnisvolle Stadt am Niger vor.

 

Mit 17 lief Caillié von zu Hause weg. Er heuerte als Kabinenjunge auf einem Schiff an, das an die westafrikanische Küste fuhr. Im Senegal ging er an Land. Dort war unter Major Gray eine britische Expedition aufgebrochen, um Mungo Park zu suchen, der seit zehn Jahren am Niger verschollen war. Caillié folgte den Engländern zu Fuß, doch als er sie erreichte, stand das Unternehmen bereits kurz vor dem Scheitern. René Caillié unternahm einige Exkursionen zwischen den Küstensiedlungen Dakar und Saint Louis und erkundete den Unterlauf des Senegal. Dann forderte das afrikanische Klima seinen Tribut. Der junge Franzose erkrankte so schwer an tropischem Fieber, dass er 1819 zur Genesung in seine Heimat zurückkehren musste. Doch seinen Plan gab René Caillié deswegen nicht auf. Er blieb fünf Jahre in Frankreich. Er arbeitete, sparte Geld, und bereitet seine nächste Afrikareise vor.

 

Im Jahr 1824 kehrte René Caillié in den Senegal zurück. Er wusste mittlerweile, dass er nur eine Chance hatte, Timbuktu zu erreichen, wenn er eine arabische Identität annehmen würde. Caillié reiste in die Wüste Mauretaniens und lebte dort ein Jahr beim Volk der Brakna. Er lernte bei ihnen Arabisch und die islamischen Bräuche kennen. 1825 fragte er beim französischen Gouverneur des Senegal nach finanzieller Unterstützung für seine Reisepläne an den Niger und nach Timbuktu an, was abgelehnt wurde. Deshalb reiste Caillié zunächst einmal nach Sierra Leone, das unter englischer Kolonialherrschaft stand. Dort fand er Arbeit als Oberaufseher einer Indigo-Plantage und konnte so weiteres Geld für sein Vorhaben verdienen. Dort erfuhr René Caillié auch, dass die Französische Geographische Gesellschaft einen Preis von 10.000 Francs für den Europäer ausgesetzt hatte, der als Erster Timbuktu erreicht und Nachricht von der Stadt mit nach Hause bringen würde.

 

Cailliés Plan war es, verkleidet als ägyptischer Muslim zu reisen. Den misstrauischen arabischen Händlern und fremdenfeindlichen Völkern, durch deren Gebiete er zog, sagte er, dass er in Ägypten von Napoleons Truppen nach Frankreich entführt worden sei. Dort habe er einige Jahre als Sklave gelebt – daher seine helle Haut –, bis er mit seinem Herrn nach Senegambien gefahren und wegen guter Dienste freigelassen worden sei. Nun befände er sich auf dem Heimweg nach Ägypten.

 

Im März 1827 brach René Caillié von Freetown in Sierra Leone auf. An Ausrüstung hatte er zwei Kompasse, einige wenige Waren, um sie bei den Eingeborenen zu tauschen und 300 Francs bei sich. Von Conakry aus drang er ins Landesinnere vor. Er durchquerte die Wüste bis zum Bergland von Fouta-Djalon, zog von dort durch das Gebiet der Fula und Manding. Gewissenhaft führte Caillié Tagebuch, notierte seine Route, jedes Volk, jede Beobachtung. Vor der Geographischen Gesellschaft in Paris wird es später der einzige Beweis dafür sein, dass er Timbuktu erreicht hatte. Doch René Caillié musste heimlich schreiben. Es wäre sein Tod gewesen, wenn er dabei entdeckt worden wäre. Denn einen freigelassenen Sklaven, der in einer fremden Sprache Tagebuch schrieb, konnte es nicht geben.

 

Caillié litt an Skorbut, an Fieberschüben, die immer stärker wurden. Im August 1827 erreichte er Tieme – und brach zusammen. Vier Monate später – kaum genesen - schloss sich Caillié einer Karawane gen Osten an.

 

Im Januar 1828 gelangte René Caillié an den Niger bei Kouroussa. In Djenné nahm ihn ein Kaufmann auf seiner Piroge mit. Vier Wochen reiste er mit ihm den Niger hinab. Am 20. April 1828 erreichten sie Kabara, den Hafen von Timbuktu. «Im Lichte der untergehenden Sonne lag die Hauptstadt des Sudans, die schon so lange der Gegenstand meiner Sehnsucht gewesen war, vor meinen Augen. Ein nie gekanntes Gefühl der Befriedigung erfüllte mich, als ich endlich diese geheimnisvolle Stadt betrat», schrieb René Caillié später. Doch die Enttäuschung folgte auf den Fuß. Keine Pracht, kein Reichtum weit und breit. Das legendäre Timbuktu wirkte armselig. «Einige Bewohner hockten auf Matten und unterhielten sich, andere lagen vor der Tür und schliefen», so lauteten seine Notizen. «Kurzum, alles atmete tiefe Traurigkeit.» Caillié blieb zwei Wochen und wohnte bei dem Kaufmann Sidi Abdahallahi, von dem er erfuhr, dass zwei Jahre vor ihm schon ein Schotte in die Stadt vorgedrungen ist: Alexander G. Laing . Doch der wurde, wie ihm die Leute erzählten, auf der Heimreise ermordet.

 

Caillié kaufte sich vom letzten Geld ein Kamel und schloss sich einer Karawane mit 1000 Kamelen nach Marokko an. Am 4. Mai 1828 brachen sie auf. Es war eine Reise unter großen Strapazen. Sie zogen durch die Sahara und überquerten den Hohen Atlas. Bis auf die Knochen abgemagert kam Caillié Anfang September in Tanger an.

 

In Frankreich wurde er als „Besieger von Timbuktu“ gefeiert. Die Geographische Gesellschaft überreichte ihm den Geldpreis und verleiht ihm die goldene Entdeckermedaille. In England gab es hingegen Kritiker, die nicht glauben, dass er die legendäre Stadt erreicht hatte. Zu sehr wichen seine Schilderungen vom alten Mythos ab.

 

Endgültig ausgeräumt wurden alle Zweifel erst Jahrzehnte später von dem deutschen Forscher Heinrich Barth, der die Richtigkeit seiner Beschreibungen bestätigte.

 

Caillié wurde nach seiner Rückkehr Bürgermeister in seinem Heimatort, starb jedoch jung an Tuberkulose, die er sich auf einer seiner Afrikareisen zugezogen hatte.

 

 

 

 

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