Die Bidjogo sind eine kleine Volksgruppe auf den Bidjagos -Archipels von Guinea-Bissau. Der Archipel umfasst 77 Inseln und Eilande und ist seit 1996 UNESCO-Weltnaturerbe. Unter Schutz gestellt wurde der Archipel insbesondere wegen des dort beheimateten Volkes der Bijogo, das sich seine kulturelle Eigenständigkeit in weiten Teilen bewahren konnte.Die Ortschaften der Bijogo liegen im Inneren der Inseln, da die Küsten immer gefährdet waren. Alle landwirtschaftlichen Nutzflächen sind Gemeineigentum. Auf den Inseln Bubaque, Bolama und Caravela wohnen die meisten Menschen. Die Bijogo betrachten die unbewohnten Inseln als heiligen Boden und Gemeinbesitz, weshalb dort niemand leben darf. Erlaubt ist allerdings die Kultivierung des Bodens. Sie leben in dörflichen Gemeinschaften in Lehmhäusern mit Strohdächern und betreiben Subsistenzwirtschaft. In Palmenhainen wird während der Regenzeit Reis angebaut, auch die Fischerei ist von großer Bedeutung. Die Bijago sind das einzige Volk Guinea-Bissaus, das ursprünglich einer matriarchalische Gesellschaftsstruktur folgte. Die Frau war Oberhaupt der Familie, sie suchte den Mann aus und konnte mit zwei Männern gleichzeitig verheiratet sein. Diese traditionelle Lebensweise gibt es vor allem noch auf der Insel Canhabaque. Die Bijogo sind auch die einzige Volksgruppe in Guinea-Bissau, bei denen Kinder nicht beschnitten werden. Die Mehrzahl der 30.000 Einwohner auf den verschiedenen Inseln praktiziert eine archaische Naturreligion. Sie stellen begabte Künstler, die Masken, Fruchtbarkeitspuppen, Kultgeräte, Ahnenfiguren und Seelenbehälter herstellen. Naturalistisch gestaltete, mächtige Stiermasken werden zusammen mit anderen Tiermasken (Vogel, Nilpferd) bei Tänzen anlässlich von Übergangsriten getragen.

 

 

Religion

 

Die Bidjogo glauben an einen göttlichen Schöpfer, den sie Nindu oder Iani nennen, und der sich hinter dem Horizont des Ozeans befindet. Wie bei vielen anderen Ethnien in Westafrika auch, handelt es sich bei diesem um einen Gott, der nicht direkt angesprochen wird. Die Menschen wenden sich an Kräfte, die zwischen ihrem Gott und ihnen selber stehen. Diese Kräfte werden als arebuko (Einzahl: orebuko) bezeichnet und sind die Todesseelen von Verstorbenen. Den Menschen wurden die arebuko von Nindu gegeben. Diese Kräfte bewohnen natürliche oder künstlich hergestellte Objekte. Aber auch Menschen, Tiere oder Pflanzen können ein orebuko beherbergen. Arebuko bezeichnet die Gesamtheit der Todesseele von Menschen, Tieren, aber auch von Gegenständen. Diese arebuko können stark oder weniger mächtig sein. Nach dem Tod eines Lebewesens steigt der orebuko an einen Ort auf, der als aŋarebuko bezeichnet wird und sich im Jenseits befindet. Bei einer Geburt kann die Todesseele dann zurück in den Körper des Neugeborenen wandern.

 

Es gibt aber einige orebuko, die das Jenseits nicht erreichen können. Bei ihnen handelt es sich um Todesseelen von jungen Männern, die vor ihrer Initiation verstorben sind. Ihre arebuko streifen auf der Erde umher und bedrohen die Gesundheit der Lebenden. Um vor dieser Gefahr gefeit zu sein, müssen die arebuko die Möglichkeit bekommen, in einem neuen Körper die Initiationszeremonie mitmachen zu können. Hierbei fällt den Frauen eine wichtige Aufgabe zu. Sie lassen es zu, von dem orebuko eines verstorbenen männlichen Jugendlichen besessen zu werden. Die Besessenheit drückt sich darin aus, dass die Todesseele des Verstorbenen in den Körper der Frau eindringt und somit von ihr Besitz ergreift. Es ist jetzt der Verstorbene, der aus dem Mund der Frau zu den Anwesenden spricht. Die Anwesenden Frauen können dem Verstorbenen somit Fragen stellen, die dieser beantwortet. Er gibt ihnen auch Ratschläge und rügt falsches Verhalten. Im Körper der Frau trinkt der Verstorbene das Blut eines geopferten Tieres.

 

Um den arebuko den Übergang ins Jenseits zu ermöglichen, führen die Frauen einen Ritualzyklus aus, der das Gegenstück des männlichen Initiationsrituals ist und der sich über viele Jahre hinzieht. Im Verlauf der aktiven Phasen des Ritus nehmen die arebuko der Verstorbenen von den Frauen wiederholt besitz. In diesen Zeiten werden die Frauen nicht mehr mit ihrem eigenen Namen, sondern mit dem Namen der Verstorbenen angesprochen.

 

 

Um einen besonderen orebuko zu benennen, verwenden die añaki einen weiteren Begriff, den des elamundi. Der Begriff elamundi (Mehrzahl: kolamundi) bezeichnet die Todesseele des Totemtieres eines Klans. Die Todesseele vom Totemtier (die Python) des Klangründers wird in anderen Bidjogo-Dialekten auch als eraminde, erande oder irande bezeichnet. Mit jedem Klan ist die Todesseele des Totemtieres verbunden, welches so mächtig ist, dass es auch den Tod bringen kann. Die einzige Gelegenheit jedoch, bei der sich die Bidjogo an die kolamundi wenden, ist im Verlauf der Befragungen eines Toten. Bei einem Todesfall wird dann regelmäßig die Frage gestellt: “War es der elamundi unseres Klans, der dich getötet hatte?“

 

 

Jeder Bidjogo-Haushalt verfügt über ein oder mehrere Objekte, die arebuko beherbergen. An diesen familiären Schreinen (Fetischen) werden den arebuko Reis, Eier, Palmwein oder Rum aus Zuckerrohr als Opfergabe überbracht. Jeder Schrein ist auf eine Hilfeleistung spezialisiert und wird auch von anderen Dorfmitgliedern besucht. So gibt es Schreine, die aufgesucht werden, wenn man Vorhersagen für das eigene Leben oder das einer eng verbundenen Person haben möchte, andere werden aufgesucht, wenn man Heilung von einer Krankheit sucht. Aus dem Jenseits heraus können die orebuko den Wunsch eines Bittenden erfüllen. Sie können aber auch einen Lebenden töten, wenn sich dieser eines schweren Vergehens schuldig gemacht hat. Neben den familiären Fetischen gibt es auch kollektive Fetische für Angelegenheiten des Dorfes.

 

Die ŋañokã, die Jugendlichen, besitzen drei arebuko-Fetische. Hierbei handelt es sich um drei Statuen, die die Namen Wotenda, Monane und Kungina tragen. Der arebuko-Fetisch der ŋalo, der Kinder,ist ein Kapok-Baum (itukune), während der der initiierten Männer kalitupa heißt.

 

Neben den Männern verfügen auch die Frauen über eigene Fetische.

 

Ein Fetisch ist immer ein Ort der Ansammlung mehrerer orebuko, die zwischen Fetisch und aŋarebuko hin und her pendeln.

 

 

Der rituelle Zirkel ŋubir kusina

 

Der Ausdruck ŋubir kusina lässt sich übersetzen mit ‚etwas anbieten, um eine Wohltat zu erhalten‘. Um in den Genuss von Wohltaten zu kommen, muss man den Alten des Dorfes Geschenke machen. Die Grundeinstellung der Bidjogo ist es, die Alten zu ehren, um im Alter selbst Respekt gezollt zu bekommen

 

Der rituelle Zirkel beinhaltet die Initiation (kañoke) und die Organisation von Altersgruppen für die männliche und weibliche Bevölkerung. Das Ziel dieses Rituals besteht in der Schaffung von ‚großen Männern’ und ‚großen Frauen‘. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die jungen Männer und die jungen Frauen den Alten der Gesellschaft Wohltaten in Form von Essen und Trinken (Palmwein) erweisen. Während die jungen Männer initiiert werden und die Leiter der Altersklassen emporsteigen, findet bei Frauen keine Initiation statt und sie müssen sich nicht den Prüfungen in einer Altersklasse unterwerfen. Die Bidjogo haben nur zwei Begriffe für Frauen, nämlich kampune für die junge Frau und okãto für die erwachsene Frau.

 

Zur Durchführung des rituellen Zirkels schließen sich die kleineren Dörfer ihren bevölkerungsreicheren Nachbardörfern an. Das Rituell beginnt üblicherweise in dem Dorf mit dem mächtigsten kollektiven Fetisch. Danach folgen nach einer festgelegten Reihenfolge die Dörfer mit weniger mächtigen Fetischen.

 

 

Es gibt vier Altersklassen, die die männlichen Jugendlichen durchlaufen:

 

kañokã im Alter von 12 bis 17 Jahren,

 

kalo im Alter von 18 bis 29 Jahren (in dieser Altersklasse findet die Initiation statt)

 

kabidu im Alter von 30 bis 40 Jahren

 

usuka ab 41 Jahren

 

 

Die ŋañokã (Angehörige des kañokã)

 

Unter der Führung einiger Männer aus dem Dorf werden die jungen Knaben im Alter ab 12 Jahren in kleinen Gruppen in den Wald geführt. Der älteste ist der Chef dieser Altersklasse. Er ist verantwortlich für die Durchführung von Zeremonien, die die ŋañokã jährlich zu Ehren der Alten veranstalten. Zu diesem Zweck stellen sie ihre drei Fetisch-Figuren vor einen Kapok-Baum auf. Die Jüngeren dieser Altersgruppe bewirten die älteren in der Gruppe. Diese Altersklasse wird nur selten für kollektive Arbeiten herangezogen.

 

 

Die ŋalo (Angehörige des kalo)

 

Die Mitglieder dieser Altersklasse haben das Recht einen besonderen Körperschmuck zu tragen, der kampende heißt und dem hinteren Teil eines Sattels (Hinterzwiesel) ähnelt. Diesen Körperschmuck tragen die ŋalo bei Zeremonien und bei Tänzen. Die ŋalo führen dabei einen besonderen Tanz aus, den Tanz des ‚wilden Stieres‘. Jedes Dorf hat nur zwei oder drei Tänzer, die anderen begleiten den Tanz auf der Trommel. Neben ihren kampende tragen die Tänzer auf einigen Inseln die Maske eines Stierkopfes. Auf anderen Inseln sind es Masken eines Flusspferdes, eines Haies, eines Vogels oder eines Sägefisches. Dieser sehr akrobatische Tanz drückt Mut und die unbeherrschte Manneskraft aus.

 

Ein ŋalo hat das Recht in einer eigenen Hütte zu wohnen, die er mit anderen ŋalo oder mit Freunden teilt. In dieser Altersklasse darf der ŋalo sich auch verheiraten. Bei dieser Heirat darf seine Ehefrau allerdings nicht bei ihm wohnen. Wenn aus dieser Verbindung Kinder gezeugt werden, gilt der ŋalo nicht als legitimer Vater des Kindes. Ein ŋalo kann kein Vater von Kindern sein, da er in dieser Altersklasse noch über keinen eigenen landwirtschaftliche zu bearbeitenden Grund und Boden verfügt.

 

Die ŋalo werden häufig zu kollektiven Arbeiten herangezogen.

 

In dieser Altersklasse werden die Jugendlichen auch initiiert. Dazu werden den Jugendlichen die Haare abrasiert, die ein Opfer für die Geister sind.

 

Zum Zeitpunkt der Initiation treffen sich die ŋalo auf dem Dorfplatz und machen sich für viele Monate auf in den ‚heiligen Wald‘, der sich in der Nähe des Meeres befindet. Dort halten sich die Jugendlichen während der Initiation auf und werden schmerzvollen körperlichen Prüfungen unterzogen. Sie werden bis in die Nacht hinein ausgepeitscht und mit Ästen geschlagen. Sie müssen im Feuer erhitzte Steine in die Hand nehmen und sie dort so lange halten, bis sie erkaltet sind. Die Qualen der ŋalo sind so groß, dass ihre Schmerzensschreie bis ins Dorf hinein zu hören sind. Auch wird ihnen tagelang das Essen entzogen. Tagsüber dürfen sie von Zeit zu Zeit zu Ihren Familie ins Dorf gehen, am Abend müssen sie jedoch in den Wald zurückkehren, wo sie die Nacht unter freiem Himmel auf einen Unterlage aus Blättern verbringen. Es ist den Novizen streng untersagt, über alles, was sie während ihrer Initiation erleben auch nur ein Sterbenswörtchen nach ihrer Rückkehr aus dem ‚heiligen Wald‘ zu erwähnen. Die körperlichen Prüfungen stehen für einen symbolischen Tod der Jugendlichen und den Beginn einer neuen Lebensphase. Während die Bidjogo weder die Zirkumzision der Jungen noch die Exzision der Mädchen praktizieren gilt das Ritual der Initiation bei ihnen als äußerst brutal, in dessen Verlauf nicht selten Novizen sterben. Nach Beendigung des Initiationsritus bekommen die ŋalo einen neuen Namen, der ihre Wiedergeburt als ŋabidu markiert. Mit einem spitzen Eisen werden ihnen Muster in die Haut geritzt.

 

 

Die ŋabidu (Angehörige des kabidu)

 

Die ŋalo verlieren als ŋabidu sämtliche ihrer Rechte. Sie verlieren ihr Häuser, ihre Ehefrauen und ihre Kinder, mit denen sie von nun an keinen Umgang mehr haben dürfen. Ihnen wird sämtlicher Besitz entzogen. Sie dürfen nicht mehr im Dorf leben und schlafen nachts außerhalb des Dorfes am Waldrand unter Bäumen. Sie müssen sexuell enthaltsam leben, dürfen sich Frauen weder nähern noch mit ihnen sprechen. In früheren Zeiten waren sexuelle Enthaltsamkeit und dein Leben mit Entbehrungen eine Vorbereitung für ausgedehnte Kriegszüge, die eine Hauptaktivität der ŋabidu war.

 

 

 

Die asuka (Angehörige des usuka)

 

Als asuka kommen die Männer wieder in das väterliche Gehöft zurück, wo sie zunächst unter dem Dach ihrer Familie leben. Nach einigen Jahren fragen die asuka gemeinsam bei König um die Erlaubnis zum Bau eigenen Häuser an. Auf Grundstücken, das sie von ihren Vätern bekommen haben, errichten sie ihre ersten eigenen Häuser. Sie sind nun im Besitz der vollen Rechte eines Erwachsenen. Nun haben sie das Recht zu heiraten, dürfen aber nicht diejenige Frau zur Ehefrau nehmen, mit der sie als ŋalo verheiratet waren. Jetzt dürfen sie mit ihren Frauen zusammenleben und sind legitime Väter der von ihnen gezeugten Kinder. Von nun an dürfen sie auch am Rat der Alten und an Zeremonien der Initiierten teilnehmen. Jetzt haben sie auch die nötige Reife einen eigenen Fetisch zu unterhalten und damit die Macht ihres orebuko zu verstärken.

 

 

Die Zeremonien der Frauen

 

Die Zeremonien der Frauen bestehen aus drei Hauptereignissen:

 

 

Canunake bedeutet ‚den Reis teilen‘. Die Zeremonie dauert zehn Tage und bedeutet den ersten Kontakt der Frauen mit den Todesseelen der verstorbenen männlichen Jugendlichen. Es wird ihnen beigebracht den Tanz für die Seelen zu tanzen. Während dieser Zeit tragen die Frauen die charakteristischen langen Faserröcke.

 

 

Canhoke (Initiation): Die jungen Frauen leben zwischen zwei Monaten und einem Jahr im Wald. Sie werden unterwiesen in Sprechweise, Tanz und Gesang der Verstorbenen.

 

 

Ŋobanabido bedeutet ‚die ŋabidu besitzen‘. Während mehrerer Monate leben die Frauen im Raum mit dem Fetisch des Dorfes. Sie haben in dieser Zeit nicht das Recht, mit den Männern zu sprechen. Nach Abschluss dieser Zeremonie dürfen die Frauen heiraten.

 

 

Die Klans

 

Auf jeder bewohnten Insel gibt es einige wenige matrilineare Klans, von denen sich einige wiederum in Unterklans aufteilen.

 

Der Klan, dem der Gründer des Dorfes angehört, hat die Entscheidungsgewalt über das Land. Die beiden wichtigsten rituellen Persönlichkeiten oloño ‚der König‘ und okinka ‚die Priesterin‘ werden aus diesem Gründerklan bestimmt.

 

Das älteste männliche Mitglied eines jeder Klans bildet den Chef über den Klan. Sein Einfluss auf Entscheidungen der Gemeinschaft ist begrenzt, er wird bei wichtigen Entscheidungen aber immer um seinen Rat gefragt.

 

 

Der König und die Priesterin

 

Der König und die Priesterin stehen in der Hierarchie des Dorfes ganz oben. Allerdings gibt es diese beiden Persönlichkeiten nicht auf allen Inseln. Auf einigen Inseln gibt es nur den König und nicht die Priesterin, auf anderen Inseln ist es andersherum. Dann gibt es auch Inseln, die weder einen König noch eine Priesterin haben.

 

Wenn es eine Priesterin auf einer Insel gibt, ist diese verantwortlich für den Fetisch der Frauen. Sie ist es auch, die für die Nahrung der verstorbenen nicht-initiierten männlichen Bevölkerung sorgt, wenn diese anlässlich einer Zeremonie ins Dorf kommen. Der König ist wiederum der Hüter des Erd-Fetisches und bringt an diesem die Opfer. Er leitet auch besondere Zeremonien des Dorfes. Für diese Aufgaben sollte er möglichst auch aus einem Gründerklan kommen, allerdings aus dem eines Nachbardorfes. Er ist es auch, der die Priesterin des Dorfes auswählt. Natürlich muss der König initiiert und ein usuka sein. Für die männlichen Kandidaten ist es nicht immer erstrebenswert zum König auserwählt zu werden, da diese Funktion mit einer völligen Isolation vom Dorfleben verbunden ist.

 

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