Die Balanta sind eine Ethnie in den Ländern SenegalGambia und Guinea-Bissau. In Guinea Bissau stellen die Balanta die größte Ethnie mit einem guten Viertel der Bevölkerung. Die Gesamtzahl der Balanta wird auf 442.000 geschätzt, in Guinea-Bissau leben alleine 420.000.

Die Balanta kommen ohne Chief oder anerkannten Führer aus. Unter ihnen herrscht Gleichheit. Alle wichtigen Entscheidungen werden von den Balanta durch einen Rat der Weisen getroffen. Um als Mitglied der Gemeinschaft aufgenommen zu werden, muss sich der Aufzunehmende einer Initiations-Zeremonie stellen. Die Balanta sind im Allgemeinen Animisten. Ansonsten überwiegt der Islam gegenüber christlichen Bekenntnissen. Djon Cago ist der Name einer der Gottheiten. Die Gläubigen versuchen die Götter durch Geisterbeschwörung und Opfer zu erreichen. In der Gemeinschaft der Balanta erfolgt die Wissensweitergabe innerhalb von Altersklassen.

Traditionelle Organisation der Jugendlichen

In der Gesellschaft der Balante wird die Bildung der Jugendlichen durch die Gesellschaft gewährleistet, wobei von den Jugendlichen erwartet wird, dass sie sich zu 100% dem Willen der Älteren unterordnen.

Das Lernen erfolgt innerhalb von Altersklassen. Jede Altersklasse hat seine eigenen Merkmale und ist auf die Jugendlichen zugeschnitten.

Altersklassen

Für die männlichen Altersklassen gibt es die folgenden Haupt- und Unterklassen:

nidawai (bis 5 Jahre)

n’cuman (5 bis ca. 13 Jahre)

furfat

infa

n’ghaê (14 bis ca. 16 Jahre)

n‘ghaê ksonhe

n‘ghaê n‘dan

n’ghês (17 bis ca. 19 Jahre)

n‘ghês ksonhe

n‘ghês n‘dan

thom (20 bis ca. 22 Jahre)

trom ksonhe

trom n‘dan

bidog‘n (23 Jahre und älter)

bidog‘n ksonhe

bidog‘n n’dan

In der ersten Unterklasse sind die jüngeren Mitglieder der jeweiligen Altersklasse enthalten, in der zweiten die älteren.

Die generellen Charakteristika jeder Altersklasse sind:

n’cuman : die Aufgabe der n’cuman ist es, den ganzen Tag über das Vieh der Dorfgemeinschaft zu beaufsichtigen. Sie haben sich dem Willen der Jungen der Altersklasse der n’ghaê zu unterwerfen und werden hart geschlagen, wenn sie deren Anweisungen nicht befolgen. Die Prügelstrafen sollen die physische und moralische Widerstandsfähigkeit der n’cuman stärken. Die n’cuman sind immer zusammen in der Gruppe, sie essen zusammen und sie arbeiten in der Gruppe, um sich an das Leben in der Gemeinschaft zu gewöhnen. Ihre Freizeit verbringen sie mit Ring- oder mit Stockkämpfen. Sie schulden den verheirateten Frauen Respekt und haben keinerlei Kontakt mit gleichaltrigen Mädchen.

n’ghaê : die n’ghaê unterscheiden sie von den n’cuman dadurch, dass diese schon Kontakt zu gleichaltrigen Mädchen haben, die sie ansprechen dürfen. Es darf bei ihnen aber noch zu keinem sexuellen Kontakt mit einem Mädchen kommen. Bei Zuwiderhandlung werden sie schwer geschlagen. Sie dürfen bereits Feierlichkeiten organisieren und gemeinsame kollektive Arbeiten durchführen. Für diese tragen sie lange Messer bzw. Macheten. Auch die n’ghaê halten sich immer in der Gruppe auf. Wird einer unter ihnen bedroht oder angegriffen, verteidigen sie ihn alle gemeinsam. Streitigkeiten der n’ghaê aus verschiedenen Dörfern sind an der Tagesordnung. Die Devise der n’ghaê ist: „Jetzt, da ich ein n’ghaê bin, schwöre ich, dass keiner Gefahr und Aggression aus dem Weg gehen werde, gleichgültig wie stark mein Gegner ist“. Die n’ghaê sind die „Arbeitstiere“ der Gemeinschaft der Balanta. Sie sind es, die am härtesten arbeiten. Ihre Arbeitskraft kann von jedem bereits Initiierten (lambé) in Anspruch genommen werden.

Gegenüber den Älteren haben sie die größten Rechte. Sie können im Allgemeinen tun, was ihnen gefällt, ohne dafür getadelt zu werden, da sie sich in der Phase des Überganges zum Erwachsenen befinden. Es wird ihnen nicht verübelt, wenn sie sich nicht immer an die Gesetze des Dorfes halten oder ihre Verantwortlichkeiten vernachlässigen.

n’ghês : Es sind die n’ghês und die thom, welche entscheiden, zu welchem Zeitpunkt die n’ghaê in die nächst höhere Altersklasse kommen. Die Klasse der n’ghês lässt sich charakterisieren durch ein Gefühl der Verantwortung gegenüber Angelegenheiten des Dorfes. Sie werden als Erwachsene betrachtet, die sich in absehbarer Zeit eine Frau nehmen werden und damit auch für andere verantwortlich sind. Es wird ihnen beigebracht, die Frauen zu respektieren und sie lernen ihre Verantwortung gegenüber dem anderen Geschlecht. Auch sie halten sich in der Gruppe auf, tragen im Gegensatz zu den anderen Altersgruppen jedoch ihre Haare geflochten wie die Frauen.

 

Zu Ehren der n’ghês wird ein großes Fest veranstaltet, auf dem auch die thom und die bidog‘n tanzen und trinken. Als Strafe für kleinere Vergehen zahlen alle Jugendlichen eine kleine Geldstrafe. Der Geldbetrag wird dafür verwendet den bidog‘n Dinge zu kaufen, für die dieses Fest gleichzeitig die Initiation ist.

bidog‘n: Der Übergang in diese Altersklasse ist nicht durch äußere Symbole charakterisiert.

In der Altersklasse der bidog’n findet die erste Initiation der männlichen Balanta statt. Sie sind nun verpflichtet, einen lopé (besonderer Gürtel), eine rote Haube und einen roten Umhang, ein ktcham (Eisenstab) und ein Horn für Tabak zu tragen.

Der lopé symbolisiert die Reife des Trägers. Die rote Kleidung ist ein Symbol dafür, dass der Initiierte Verantwortung hinsichtlich religiöser Angelegenheiten übernommen hat. Der ktcham symbolisiert die Vorfahren (irã), die diejenigen Initiierten beschützen, die noch nicht von ihnen aufgenommen wurden. Das Horn symbolisiert den Wunsch nach Frieden. Der frischgebackene lambé muss alles dafür tun, dass es in der Gemeinschaft zu keinen Konflikten kommt bzw. muss er versuchen die Harmonie wiederherzustellen.

Die Organisation der Älteren, der großen Männer.

Bei den Älteren werden folgende Klassen unterschieden:

n‘than ksonhe

n’than n‘nghog

n’than n‘dag‘n

betho

Eine Aufgabe des n’than ksonhe besteht darin, im Falle einer ernsthaften Krankheit eines Dorfmitglieds Heiler aufzusuchen, um den Grund für die Erkrankung herauszufinden. Wenn ein Dorfmitglied stirbt, obliegt es der Altersgruppe der n’than ksonhe als Gesamtheit die Ursache des Todes herauszufinden. Nach der Verkündigung des Todes einer Person besorgen sie die bomboloŋ (ausgehöhltes Stück eines Baumstammes mit einer schlitzförmigen Öffnung auf der Oberseite). Die n’than n’nghog sind die Ratgeber der n’than ksonhe. In der Altersgruppe der betho sind alle Alten der Balanta-Gesellschaft. Sie sind die oberste Autorität. Sie sprechen Recht und sind verantwortlich für den reibungslosen Ablauf von Zeremonien. Sie spielen eine wichtige Rolle bei Hochzeiten und Begräbnissen, da sie den Ort der Bestattung aussuchen. Jeder von Ihnen trägt eine Machete oder ein langes Messer, mit dem sie Opfertiere auf Zeremonien schächten. Bekleidet sind sie mit einem lopé und einem roten oder schwarzen Wickeltuch, einem Strohhut und einem boto (kleines Säckchen), für den Tabak.

Die Organisation der Frauen

Auch bei den Frauen gibt es verschiedene Altersklassen:

n‘bgifula, die sich aufteilen in n‘bgifulaksonhe und n‘bgifula ndan

n’bgiele, die sich aufteilen in n’bgiele ksonhe und n’bgiele ndan

kthata

bassam

binin-bindan

Bis die jungen Mädchen in die Pubertät kommen, sind die Mädchen keiner Altersklasse zugeordnet. Sie werden als n’gbeksonhe bezeichnet und helfen ihren Muttern vorwiegend im Haushalt.

Mit Beginn der Pubertät werden sie n‘bgifulaksonhe

Wenn sie im heiratsfähigen Alter sind, werden sie zu n‘bgifula ndan.

Die Jungfräulichkeit stellt einen wichtigen Wert in der Gesellschaft der Balanta dar. Ein Mädchen, das ihre Jungfräulichkeit vor der Herat verliert, bringt Schande über die ganze Familie.

Mit der Heirat treten die Mädchen in die Klasse der n’bgiele über. Ab diesem Zeitpunkt werden die Frauen als erwachsen angesehen und es wird ihnen Respekt entgegen gebracht. Diese Phase dauert etwas länger als ein Jahr an und bedeutet die Initiation der jungen Frau.

Die n’bgiele-Frau trägt nun einen schwarzen Wickelrock und einen Schal, der ihren Kopf bedeckt.

Üblicherweise kennt die junge Balanta-Frau ihren zukünftigen Ehemann nicht vor der Vermählung. Die Familie des Mannes leistet während mehrerer Jahre Brautgaben an die Eltern des Mädchens, um das Heiratsversprechen zu erlangen. Wenn es mehrere Bewerber für das Mädchen gibt, entscheidet der Vater. Wenn das Mädchen nach der Hochzeit im Dorf verbleibt, schneiden ihr die Frauen die Haare ab und kleiden sie in einen schwarzen Wickelrock. Falls sie nach der Hochzeit in einem anderen Dorf wohnt, sind es junge Männer, die das Mädchen in ihr neues Dorf „entführen“. Dort kümmern sich die älteren Frauen zunächst um das Wohl das Mädchen.

Am Tag der Hochzeit überbringen die Eltern der Braut die Zutaten für das Hochzeitsmahl der Familie des Bräutigams. Dort wird es für die Gäste zubereitet.

Der Übergang der n’bgiele in die Phase der kthata ist gekennzeichnet durch Gesang und durch Tanz.

Der Übergang der kthata in die Klasse der bassam bedeutet für die Frauen einen sehr viel höheren Status. Sie sind Ratgeber der binin-bindan. Die Tatsache, die Erstfrau eines Ehemannes zu sein, erhöht die Autorität der bassam in ihrer eigenen Familie.

Die binin-bindan genießen die höchste Autorität unter den Frauen. Sie beraten die neuen n’bgiele während der ersten Woche ihrer Ehe. Ihre Aufgabe ist es auch, die Schwangeren bei der Entbindung zu helfen und sie sind an der Seite Sterbender.

Im Falle einer Abwesenheit des Ehemannes oder beim Tod eines lambé haben sie das Recht die Riten für die irã der Familie zu zelebrieren.

Das fanado (die Zirkumzision)

Die Zirkumzision ist eine außerordentliche wichtige Handlung im Leben der Balanta und findet alle vier Jahre statt. Sie markiert den Übergang von einem Jugendlichen (blufo) hin zu einem Mann (lãte), mit allen damit verbundenen Rechten (eigenes Haus, Gründung einer Familie). Es sind die lambé, die diese Zeremonie einleiten. In traditioneller Kleidung erlangen sie von den Dorfautoritäten das Recht zur Durchführung der Zeremonie. Die anstehende Zeremonie wird auf kleinen bomboloŋ (sprechende Trommeln‘) verkündigt. Die ganze Nacht erklingt das ohrenbetäubende Geräusch der großen bomboloŋèbombor des Dorfes, die auch weit entfernten Dörfern den Beginn der Zirkumzision ankündigt. Alle Menschen, alt oder jung, Frauen oder Männer, sind eingeladen, an dem Ereignis teilzunehmen.

Am Morgengrauen trifft sich die Menge in der Mitte des Dorfes. Alle Besucher sind festlich gekleidet. Die jungen Frauen tragen bunte Perlen um den Hals, den Armgelenken und um die Fußgelenke. Die Männer tragen ihre traditionellen roten Mützen und ihren lopé. Zum festgelegten Zeitpunkt gibt der Chef der Zeremonie das Signal, worauf sich die Menge aufteilt. Die Gruppe der zukünftigen Initiierten macht sich auf zum nahegelegenen Fluss, wo sie ihren Körper mit Schlamm beschmieren. Danach kehren sie unter Gesang in kleinen Gruppen in das Dorf zurück. Je mehr Begleiter jeder zukünftig Initiierte in seiner Gruppe aufweisen kann, desto höher gilt seine Stellung. Je männlicher und mutiger der Jugendliche in den Augen der Dorfbewohner ist, desto mehr Anhänger schließen sich seiner Gruppe an.

Bei Abenddämmerung versammeln sich die Jugendlichen, um im Dorf das vorerst letzte Mahl zu sich zu nehmen. Da sie noch immer als unfertige Männer gelten, bekommen Sie bei dieser Gelegenheit Gegenstände, um sich im Verlaufe der Zirkumzision gegen Hexen zu schützen. Sobald die letzten Sonnenstrahlen untergehen, beginnt die Menge lebhaft zu werden. Der Chef der Zeremonie gibt das Signal und die Jugendlichen machen sich auf zum Strand, wobei sie von ihren bereits initiierten Männern begleitet werden. Häufig werden sie auch von den Brüdern ihrer Mütter begleitet. Am Ort der Zeremonie im ‚Heiligen Wald‘ angekommen, richten sich die Jugendlichen in ihrem Lager (baraca) ein. Es ist Fremden und insbesondere auch Frauen strengstens verboten, sich dem Platz der Jugendlichen zu nähern. Sollten die Frauen per Zufall auf dem Weg mit den Jugendlichen zusammenstoßen, so haben sie sich auf den Boden zu legen und ihr Gesicht zu bedecken. Bei Zuwiderhandlung gegen dieses Gebot werden sie unfruchtbar.

Die Dauer des Aufenthaltes in der baraca beträgt zwischen zwei und drei Monaten. In dieser Zeit werden die Jugendlichen in ihre Pflichten als Erwachsene eingewiesen.

Die Rückkehr in das Dorf ist Anlass eines ausgiebigen Festes. Alle bereits Initiierten tragen ihre traditionelle Kleidung. Es wird getanzt und gesungen.

Die Initiierten erhalten nun alle Rechte und Pflichten eines Erwachsenen, eines lãte. Von nun an dürfen sie seinen eigenen Hausstand gründen und sich eine Frau (anin) nehmen.

 

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